Der Geist des Spiels?

Geocaching ist ein bewusst sehr offen gehaltenes Spiel mit wenigen Regeln. Was jeder einzelne Spieler unter „Geocachen“ versteht, hängt also von einigen Faktoren ab, z. B. wann und von wem er das Spiel erlernt hat. Das Spiel entstand bereits einen Tag nach der Freigabe präziser GPS-Daten für die Allgemeinheit (danke, Bill Clinton!), am 3. Mai 2000.

Wie nicht anders zu erwarten hat das Spiel in den mehr als 16 Jahren, die seither verstrichen sind, viele Erweiterungen erfahren, von denen einige wieder teilweise revidiert (z. B. werden keine neuen Webcam-Caches mehr zugelassen, alte bestehen jedoch weiter) oder umgewandelt wurden (z. B. sind Virtual Caches heute den Earth Caches gewichen). Zudem lassen die recht liberalen Regeln eine Vielzahl von verschiedenen Herangehensweisen an das Spiel zu. Dabei werden gewisse Phänomene teilweise erbittert in Internetforen, an Stammtischen und auf Events diskutiert, ganz oft liest man hier die Zeile „Was ist nur aus unserem schönen Spiel geworden?“. Man kann sich als Neuling ganz leicht in die Nesseln setzen, wenn man eine „falsche“ Meinung vor den „falschen“ Leuten äußert. Hier also eine unvollständige und wachsende Liste der potentiellen Fettnäpfchen:

  • „Echtes“ Geocachen: Das Suchen und Finden einer schön gemachten und gut/spannend gelisteten Dose in schöner/interessanter Umgebung, mit Anreise zu Fuß oder per Fahrrad. Quasi die Urform – meinen viele Cacher. Tatsächlich wurde der allererste Cache in einem wenig spannenden Waldstück direkt an einer Straße platziert – ein Leitplankencache, quasi – man vergebe mir den Frevel.
    Auch der älteste noch aktive Cache der Welt, Mingo, liegt nicht gerade idyllisch an einer Straßenkreuzung in Kansas.
    Wenn also ein „old-school-Geocacher“ davon spricht, dass jüngere Kollegen die Ursprünge vergessen hätten, liegt er da ein wenig daneben.
    Natürlich häuften sich gerade anfangs dann Caches an besonders schönen Orten, und das ist es, was „echte“ Geocacher mit „echtem Cachen“ meinen.
    Man sollte jedoch beim Pochen auf Tradition auch bedenken, dass es ohne die Weiterentwicklung des Spiels heute z. B. keine Mysteries oder Multis gäbe.
  • Statistikcachen: Die wahrscheinlich älteste Statistik ist die Anzahl der Funde, bzw. die Funddaten. Zusammen mit den Listingdaten kann man sich daraus eine unglaubliche Vielzahl an verschiedenen Statistiken errechnen lassen; Project-GC ist eines von vielen Werkzeugen, das den Zugriff auf die Geocaching-Datenbank für diese Zwecke nutzt.
    Nun kann man aus einer Statistik natürlich auch eine sportliche Herausforderung machen – dafür gibt es dann Badges, virtuelle Abzeichen. Für manche „echten“ Cacher ist das aber Teufelszeug, denn es geht in ihrer Sicht dann nicht mehr um den Fund einer schönen Dose in toller Umgebung, sondern um das Abhaken einer To-Do-Liste. Gerade Powertrails (s. u.) stechen in der Negativbeliebtheitsskala heraus.
    In meinen Augen sind die Badges jedoch ein Anreiz, Neues zu entdecken und auszuprobieren. Gäbe es keine 81er-Matrix, hätte ich mich nicht für einen Baumkletterkurs angemeldet. Gäbe es kein Long Distance Badge oder Head in the Clouds Badge, würde ich keinen Urlaub in Chile in Erwägung ziehen. Gäbe es den Daily Cacher nicht, hätte ich nie das sensationelle Gefühl erlebt, vor der Arbeit einen Multi zu beschreiten. Insofern entsprechen die Badges sehr wohl dem Urgedanken, Neues zu entdecken und herauszugehen aus seiner persönlichen Komfortzone. Und wer nicht möchte, muss ja nicht.
  • Powertrails: Die Anzahl der Funde ist omnipräsent – neben jedem Logeintrag sehen alle anderen Cacher, wie viele Funde ich bereits hatte. Das ist durchaus keine bedeutungslose Zahl, denn wenn ein Cacher einen DNF oder SBA loggt, ist das bei einem alten Hasen ernster zu nehmen als bei einem Newbie.
    Viele Cacher schrauben ihre Fundzahlen mittels Powertrails extrem in die Höhe; „echte“ Cacher beklagen die Niveaulosigkeit der Verstecke, die Belastung der Wälder und der anderen Waldbenutzer und einen generellen Niedergang der Ideale des Geocachens. Um den mittlerweile archivierten Blaumilchkanal rund um München gab es beispielsweise eine Riesendiskussion.
    Auch hier gibt es natürlich Gegenargumente: Gerade für Caching-Anfänger ist es toll, eine Vielzahl von unterschiedlichen Versteck-Typen in kurzer Zeit kennenlernen und somit Erfahrung sammeln zu können. Waldspaziergänge mit Kindern machen einfach mehr Spaß, wenn man alle paar hundert Meter einen „Schatz“ suchen kann. Realistisch betrachtet sind die Flurschäden nach dem Ansturm der FTF-Jäger so gering, dass man als Anfänger große Mühe hat, die „Cacherautobahnen“ überhaupt zu entdecken.
    Wer einen PT auslegt, sollte eine schöne Strecke wählen, die Listings interessant machen (z.B. mit einem netten Thema oder interessanten Hintergrundinfos), ab und zu mal eine größere Dose verstecken, die Verstecke interessant variieren und Rücksicht auf die Natur bei der Wahl der Verstecke nehmen. Dann noch eine schöne große Bonusdose, für die man Koordinaten sammeln muss, und der Nachmittag im Wald ist geritzt.
    Und wenn jemand eine geistlose Petlingrunde an die Leitplanke knallt, und andere die dann absolvieren, lasst ihnen doch den Spaß. Selbst das kann eine Herausforderung sein. Umso mehr stechen dann außergewöhnliche Caches wieder aus der Masse heraus.
  • Homezone aufräumen: Ein natürlicher Vorgang am Anfang der Cacherkarriere: Man schaut ab und zu mal aufs Smartphone, ob nach dem Einkauf/Friseurbesuch/Arzttermin… noch eine Dose um die Ecke liegt. Irgendwann hat man dann die meisten Caches im Umkreis von x Kilometern abgegrast; übrig bleiben dann fiese Rätsel und hohe Terrainwertungen. Auch hier ist man frei in seiner Entscheidung: „Räumt man auf“ oder lässt man etwas „unaufgeräumt“? Gleiche Entscheidung wie bei den Badges – wage ich Neues, oder nicht? Freie Entscheidung! Achtung: Vor dem Aufräumen sollte man sich über die Daily Cacher-oder 365-Tage-Challenge informieren!
  • Was ist ein T5? Klettern mit Seil und Gurt, Flaschentauchen, Bootfahren und ähnliches, klar. Viele Cache-Sucher dehnen die Groundspeak-Definition von T5, „requires specialist equipment“, jedoch auf jede Art von Equipment aus – auch eine kurze Leiter oder ähnliche Steighilfe (viele Cacher zweckentfremden übrigens ihre Fahrräder mit stabilem Doppelständer als Leiter). Bei einem (nicht meinem) Cache, der als Magnet-Nano mitten in der Stadt an einer Dachrinne in ca. 3,50 m Höhe klebte, fand ich einen bitterbösen Logeintrag, dass das ja wohl kein T4 sein könne, da nicht ohne Hilfsmittel zu bergen. Wir haben das mit einer simplen Räuberleiter gelöst, was natürlich nicht geht, wenn man alleine vor der Dose steht. Dieser Artikel geht in dieselbe Richtung.
    Ich finde aber wirklich nicht, dass der Regenrinnen-Nano ein T5 ist – das wäre inflationär. Der Owner könnte mit einer Bemerkung „3,50m“ im Hint Klarheit schaffen – dann nehme ich eben eine Bergehilfe wie z. B. eine Greifzange mit – Problem gelöst.
    Ach ja: Wer ohne allzu große körperliche Anstrengung T5-Caches machen möchte, sollte sich in Holland ein Boot mieten.
    Update: Seit etwa 2019 wurden übrigens in Bayern Caches, für die man eine Leiter braucht, nur noch als T5 gepublisht, und Angelcaches nur noch als D5. Also ist die neue Königsdisziplin nun wohl der T4,5?
  • Virtuelle Trackables discovern: Trackables haben von Haus aus den zweifelhaften Ruf, Statistikpusher zu sein. Es gibt zwei Badges sowie Gürtelpunkte bei Project-GC für das Bewegen, aber auch für das bloße Discovern von Trackables. Und für den Computer ist Discovern gleich Tracking-Code einlesen. Die Cacher-Ehre gebietet jedoch, den Coin zumindest einmal in der Hand gehabt (oder bei ganz wertvollen Stücken gezeigt bekommen) zu haben. Im Netz gehen ellenlange Listen mit Codes herum, bei Facebook gibt es Code-Tausch-Gruppen; das gefällt mir persönlich nicht, aber andere haben ihren Spaß daran.
    Nun findet man aber immer öfter Tracking-Codes, ohne das Trackable dabei in die Hand zu bekommen: Als Stempel in Logbüchern, sogar als Code in Signaturen oder Online-Logs. Habe ich da nun etwas entdeckt oder nicht?
    Wie so oft in diesem Spiel muss jeder Cacher selber wissen, was er tut. Wenn ich einen Code finde, egal ob in einem Logstempel auf Papier oder auf einer Seite im Netz (mit Ausnahme der speziell dafür angelegten Code-Tausch-Seiten oder Facebook-Gruppen natürlich), dann habe ich etwas entdeckt, und dann discovere ich den Code auch. Multiple Logs sind übrigens kein Problem, die Zählung erfolgt nach Tracking-Code – selbst wenn ich denselben Stempel zehnmal logge, zählt er als ein einzelnes entdecktes Objekt. Ich habe selbst einen Coin, den ich ab und zu in Logs einbinde, zu besonderen Gelegenheiten auch in elektronische Logs. Dieser Log-Coin reist aber nicht, sondern ist ausschließlich zum Entdecken da. Bei meinen echten Reisenden wäre ich jedoch nicht besonders glücklich, wenn die Codes im Internet weitergegeben würden – das sollte auch jeder andere Cacher beherzigen.
  • Abstauber-Logs: Multis und Mysteries machen Arbeit. Wie nett, wenn man einfach die Finalkoordinaten bekommt. Bei Facebook und Co. gibt es große Gruppe, in der Koordinaten en gros herausposaunt werden. Als Reaktion schickten viele Owner ihre Multis und Mysteries ins Archiv. Auch hierüber wurde heftig diskutiert.
    Die sportliche Herausforderung beim Geocachen ist das Erreichen der Dose aus eigener (Muskel- und Hirn)Kraft. Wenn ich mir die Koordinaten einfach besorge oder mich nach einem Event an eine Gruppe hänge, um was abzustauben, ohne selbst etwas beizutragen, dann habe ich den Log aus meiner Sicht einfach nicht verdient. Eine Koordinate aus Facebook zu besorgen ist einfach keine Leistung.
    Und gerade bei höheren T-Wertungen gilt: Nur wer selbst Hand an die Dose an ihrem Originalversteck gelegt hat, darf sich eintragen. Wenn ich beim Baumklettern nur das Seil halte, sollte ich keinen T5er loggen.
    Es gibt tatsächlich auch Cacher, denen die Statistik so unglaublich wichtig ist, dass sie als „Kreativlogger“ sämtliche Möglichkeiten einsetzen, um die Zahlen zu pushen. In Aalen wurde das sehr aufwändig dokumentiert. Was daran toll sein soll, erschließt sich mir überhaupt nicht. Doch letztendlich ist Geocachen ein Sport, den man nur mit und gegen sich selbst betreibt (mal abgesehen von den FTF-Runs 😉 ) – wer sich selbst betrügen will, soll das eben tun – mit Geocachen hat das aber nicht wirklich etwas gemein.

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